Die im nordöstlichen Bayern gelegene Stadt Waldsassen hat die Restaurierungsarbeiten an ihrem denkmalgeschützten Rathaus im vergangenem Jahr abgeschlossen und bei der energetischen Sanierung der Fenster auf eine besondere, historische Glassorte zurückgegriffen.
Das 1872 ursprünglich als Schule erbaute Gebäude bildet zusammen mit der barocken Stiftsbasilika und dem angrenzenden Kloster das historische Zentrum der Stadt. In den 1970er Jahren erfolgte der letzte größere Umbau. Seitdem wird es als Rathaus genutzt.
Unzureichende bautechnische Anforderungen an Brandschutz, Barrierefreiheit und Energieeffizienz sowie bauliche Schäden an Dachstuhl und Fenstern veranlassten die Vertreter der Stadt zum Handeln. Nach umfangreichen Vorplanungen im Jahr 2016 begann die großangelegte und bis 2019 andauernde Sanierungsmaßnahme, in deren Rahmen die schadhaften Verbundglasfenster durch neue, denkmalgerechte Isolierglasfenster aus Holz ersetzt wurden.
Die Rekonstruktion und Sprossenteilung erfolgte in Anlehnung an die Vorgängerfenster. Besonderen Wert legte die Stadt dabei auf die Glasauswahl. „Es war von Anfang an klar, dass bei einem denkmalgeschützten Gebäude direkt gegenüber von Kloster und Basilika nur mundgeblasene Fenstergläser verwendet werden können.“, so Martin Rosner, geschäftsführender Beamter der Stadt Waldsassen. Die Glassorte entspricht sowohl in ihrer Herstellungstechnik als auch in ihrem Erscheinungsbild dem für die Bauzeit des Rathauses typischen Glas. Noch bis in die 1920er Jahre wurden Flachgläser nahezu ausschließlich im Mundblasverfahren gefertigt. Heute gibt es weltweit nur noch wenige Manufakturen, die diese Jahrhunderte alte und mittlerweile zum immateriellen Kulturerbe erklärte Handwerkstechnik bewahrt haben.
Bei der Herstellung mundgeblasener Flachgläser entstehen nicht sofort flache Glasscheiben. Zunächst wird die etwa 1100°C heiße, zähflüssige Glasmasse von Glasmachern durch Drehen und Blasen an der Glasmacherpfeife zu einem großen, länglichen Glasballon geformt. An beiden Seiten geöffnet ergibt sich dann ein hohler Glaszylinder. Im abgekühlten Zustand wird er längs aufgeschnitten und nochmals erwärmt, sodass er sich auseinanderfalten und zu einer flachen Glastafel strecken lässt.
Um die Anforderungen an Energieeffizienz mit den Ansprüchen an historische Authentizität in Einklang zu bringen, wurden die aus der Glashütte Lamberts stammenden mundgeblasenen Flachgläser restauro® zu Isolierglas weiterverarbeitet. Während der funktionale Aspekt hauptsächlich über ein wärmeschutzbeschichtetes Industrieglas auf der raumzugewandten Verglasungsebene sowie über die Edelgasfüllung im Scheibenzwischenraum abgedeckt wird, übernimmt die handwerklich gefertigte Glasscheibe auf der äußeren Ebene die ästhetische Funktion. Die für mundgeblasenes Fensterglas typische, leicht unebene Oberfläche mit vereinzelten Bläschen, Schlieren und ihren sanften Verzerrungen unterstreicht dabei nicht nur die authentische Ansicht der historischen Fassade. Sie gewährt dem Besucher des Rathauses darüber hinaus den bauzeitlichen Eindruck beim Blick durch die Fenster hinaus auf das Ensemble von Koster und Basilika.